Mindestlohn vs. Bürgergeld

Sonntag 18 März. 2007 um 13:11 | Veröffentlicht in Alltag, Hartz IV, Politik Kram | 8 Kommentare

Über diese beide Themen ist mit Sicherheit schon viel geschrieben worden, und einiges davon habe ich auch gelesen. Trotzdem, oder gerade deswegen, habe ich mir eigene Gedanken dazu gemacht.

Aktuell feiert der Herr Müntefering einen Teilsieg in Sachen Mindestlohn. Mindestlohn ist eine durchaus vernünftige Sache, vor allem wenn er dafür sorgt, dass die Gruppe der „working poor“ nicht größer wird. Wenn ich allerdings dann lese, dass der Mindestlohn dann wieder an den niedrigsten Lohngruppen in den entsprechenden Tarifverträgen ausgerichtet werden soll, kommt mir die eine oder andere teuer erkaufte Mahlzeit wieder hoch. Warum? Ganz einfach. Wir haben in Deutschland immer noch Tarife, die deutlich unter 5,-EUR pro Stunde liegen. In diesen Berufen, wie bei den Sicherheitsdiensten, werden zwar regelmäßig Überstunden gemacht, die aber oft genug nicht im Arbeitsvertrag festgelegt sind und damit den Arbeitnehmer wieder erpressbar machen. Und über die Tarife im Friseur-Handwerk brauchen wir gar nicht zu reden. Mancherorts liegt dort der niedrigste tarifliche Stundenlohn noch unter 4,- Euro. Von diesen Gehältern kann man so gut wie überhaupt kein normales Leben führen und ist oft auf staatliche Hilfen wie Wohngeld angewiesen. Das kann es, nicht nur meiner Meinung nach, nicht sein. Da haben wir nämlich die von den ganzen BWLern verteufelte Subvention wieder. Nur diesmal stört sie die Subvention überhaupt nicht, da das, was an Gehältern gespart wird, sich direkt in den Unternehmensgewinnen widerspiegelt. Genau diese Art von Denken macht dieses Land, und nicht nur dieses Land, kaputt. Der Mindestlohn, wenn er denn in Deutschland tatsächlich mal kommen sollte, sollte nicht unter 7,50 € die Stunde liegen. Das würde auch die Staatskassen entlasten und umgekehrt auch das Steueraufkommen erhöhen. Mehr Geld in den Taschen würde auch dazu führen, dass die inzwischen völlig desolate Binnennachfrage wieder anziehen würde.

Aber der Mindestlohn hat auch einen entscheidenden Nachteil. Er berücksichtigt nicht den sozialen Status des Gehaltsempfängers. Ein verheirateter Mitarbeiter mit fünf Kindern hätte den selben Stundenlohn, wie sein Kollege ohne Frau und Kind. Natürlich gibt es für den Kinderreichen dann so nette Hilfen wie Kindergeld und vielleicht sogar Wohngeld, er ist aber trotzdem schlechter gestellt, als sein alleinstehender Kollege, obwohl sein Beitrag für die Gemeinschaft deutlich größer ist. Durch den in Mode kommenden Trend, dass Bildung in Deutschland anfängt Geld zu kosten, würden die Kinder der kinderreichen Familie grundlos benachteiligt werden.

Da kommt das Bürgergeld, oder auch bedingungsloses Grundeinkommen, ins Spiel. Diese ganzen Probleme mit Mindestlohn würde es beim Bürgergeld nicht geben. Jeder Bürger würde ein Mindesteinkommen haben, dass es ihm ermöglicht, seine Grundbedürfnisse zu decken. Da die Kinder auch Bürger sind, würde einer kinderreichen Familie natürlich deutlich mehr Geld zur Verfügung stehen als den Alleinstehenden. Welchen Vorteil hätte denn das Bürgergeld für den Bürger? Jede Menge, bei Verhandlungen mit Arbeitgebern hat man plötzlich wieder Augenhöhe mit seinem Verhandlungspartner. Durch die Grundsicherung wäre der Arbeitnehmer nicht mehr so leicht erpressbar, wie in der jetzigen Situation. Wenn dann noch der Zugang zur Bildung wieder wirklich frei wird, also weg mit den Studiengebühren, haben alle gewonnen, oder? Was ist mit den Arbeitgebern? Auch die werden profitieren. Sie werden plötzlich über Mitarbeiter verfügen, die motiviert sind, weil sie keine Angst mehr haben, die kreativ sind weil sie relativ frei von Sachzwängen sind. Das Verhältnis Despot/Untertan, wie es in vielen Firmen heute leider üblich ist, wird gegen ein gleichberechtigtes Vertragspartner-Modell ausgetauscht. Die Folgen für die Wirtschaft wären ein nie da gewesenes Produktivitätswachstum. Firmen die dann plötzlich ohne Mitarbeiter dastehen, haben es dann auch nicht besser verdient und werden bald nur noch eine fahle Erinnerung sein. Die Frage nach der Finanzierung eines solchen Modells stellt sich natürlich. Allerdings stellt sich für mich heute schon die Frage, wie nicht mal 20 Millionen Arbeitnehmer ca. 7 Millionen Erwerbslose und zusätzlich noch 20 Millionen Rentner durchfüttern.

Einige weitere Links zu dem Thema:

http://www.labournet.de/

http://www.blog.mindestlohn.de/

http://www.uni-ulm.de/

http://www.archiv-grundeinkommen.de/

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8 Kommentare »

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  1. Da gibt es viele weitere Informationen:

    http://www.archiv-grundeinkommen.de

  2. Sehr schön Friedel, danke. Ich habe es gleich mal mit eingebaut.

  3. Da gehts lang :)

    http://www.unternimm-die-zukunft.de/

  4. […] Zu diesem Thema habe ich gerade noch einen Blogeintrag gefunden, den man sich mal durchlesen sollte. (ist auch etwas ausführlicher als das hier […]

  5. […] ganz normale Wahnsinn, Alltag | In dieser Woche ist mir doch ein extremes Interesse an dem Themen Mindestlohn und Bürgergeld aufgefallen. Um dieses Thema nicht zu vergessen, ist es mal ganz interessant den lautesten Brüllen […]

  6. Debatte um Mindestlohn – 3,18€ ausreichend?

    Die Debatte über Mindestlöhne dürfte bereits jeden Arbeitnehmer erreicht haben – wenn auch nur über Hörensagen. Theoretisch ist die Einführung eine sinnvolle Sache – wenn man dabei ein gewisses regionales Gefälle sowie eine Branchendifferenz au…

  7. […] Freiheit durch Sozialismus Juni 17, 2007 at 12:14 nachmittags | In wunderbare Welt, Der ganz normale Wahnsinn | Das neue Motto der neuen Linkspartei, deren beiden Chefs Gregor Gysi und Oskar Lafontaine der Meinung sind, dass der Sozialismus besser zum Grundgesetz passt als der Kapitalismus. Nur muss man sich fragen, ob der Sozialismus überhaupt noch Zeitgemäß ist, denn der Sozialismus und auch der Kommunismus wurden erschaffen um die Arbeit vom Kapital zu befreien. Es ist zwar ein ehrenwerter Gedanke aber in meinen Augen überlebt. Dieser Gedanke stammt aus einer Zeit, als es noch Arbeit im Überfluss gab und das Großkapital den Gewinn nutzten um ihren Reichtum zu vergrößern, während die Arbeiter eine Existenz am Minimum pflegten. Ich werde es nicht müde zu sagen, dass wir in einer Zeit leben, in der Vollbschäftigung eine Illusion ist, und folglich die Arbeit vom Kapital zu befreien eine im allerhöchsten Maße zweitrangige Aufgabe darstellt. In der heutigen Zeit sollte der Gedanke sein, wie man den Menschen von den Zwang zur Arbeit befreien kann, ohne ihn zu schädigen und trotzdem Wege findet ihm das Gefühl zu geben dazu zu gehören. Dazu gehört meines Erachtens auf jeden Fall ein bedingungsloses Grundeinkommen. […]

  8. Genau, wir sollten weniger oder garnicht mehr arbeiten müssen, und trotzdem genug bekommen, um Überleben zu können. so wurde uns der Fortschritt doch auch immer als positive Vision verkauft: Die Maschinen und Roboter nehmen uns die meiste Arbeit ab…und wir genießen unser Leben.
    Wir sollten bei den kommenden Bundestagswahlen nur noch Parteien wählen, die das Grundeinkommen in ihr Programm aufgenommen haben… ;)


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