Essen auf Rädern

Donnerstag 21 Juni. 2007 um 23:34 | Veröffentlicht in Der ganz normale Wahnsinn, dumm gelaufen, Dumme Welt | Hinterlasse einen Kommentar

Wie mir letzten zugetragen wurde, wurde der Hanse Menü-Dienst in Hamburg vom Gloria Menü-Bringdienst aus Bremen geschluckt. Da es in dem Schuppen wohl keinen Betriebsrat gab, gab es wohl auch keinen Sozialplan und Vereinbarungen über die alten Arbeitverträge. Was dazu führte, dass einige, wahrscheinlich sogar die meisten, Vollzeitkräfte entlassen und zu deutlich schlechteren Bedingungen wieder eingestellt wurden. Bevorzugtes Abrbeitszeit-Modell scheint für Gloria die 400,- Euro Nebentätigkeit. Das waren ehemalige Vollzeitkräfte, die vorher von ihren Einkommen noch ihren Lebensunterhalt decken konnten, danach wohl nicht mehr. Also zahlt die Differenz mal wieder der Steuerzahler über Wohngeld und Hilfe zum Lebensunterhalt. Es scheint sich auch keiner der ehemaligen Vollzeitkräfte dagegen aufgelehnt zu haben, wahrscheinlich wegen der Angst, der Arbeitsplatz könne ganz verloren gehen.

Insgesamt scheinen die Mitarbeiter verdammt schlecht abgeschnitten zu haben. Nun kommt der eigentliche Grund, warum ich daraus überhaupt einen Blogeintrag mache, denn solche und ähnlche Geschichten – ich will nicht sagen Sauereien – passieren tagtäglich in Deutschland und auch anderswo. Der interessante Teil kommt jetzt, und zwar einige interessante Passagen aus dem „Handbuch für Verkaufsfahrer„, Stand 01.02.2007. Nur zur Information: die Fahrer werden meines Wissens nicht als Verkaufsfahrer sondern als Auslieferungsfahrer eingestellt.

Ganz besonders interesant ist Kapitel D, Seite 1. Dort steht sinngemäß (sinngemäß deshalb, damit die mir nicht mit deren Urheberrecht einen verpulen können, und bei den Texten ist durchaus eine gewisse Schaffenshöhe zu erkennen):

Auch wenn es niemand hofft, so ergibt es sich immer wieder einmal, dass ein Kunde abbestellen muss. Zu der wichtigsten Aufgaben der Gloria und Menü-Cargo-Mitarbeiter gehört natürlich diese Quote so niedrig wie irgend möglich zu halten. Unser hochwertiges Dienstleistungsangebot und die Pflege des Images sind die Punkte, die einen dabei zur Seite stehen.
Bestellen aber Kunden trotz aller Bemühungen nicht mehr, so sind allergrößte Anstrengungen zu unternehmen, um den Kunden für die Gloria wieder zurückzugewinnen. Man darf dabei eines nie vergessen, dass der Kunde oft erst unter großem Kostenaufwand überhaupt erst gewonnen werden konnte.

Also liebe Auslieferungsfahrer, ihr wisst, was zu tun ist: nämlich alles. Also macht es auch! Der Kunde will die Toilette blitzblank haben? Macht es! Der Kunde will eine Thai-Massage? Soll er kriegen! HAUPTSACHER ER BESTELLT WIEDER. Und damit der Fahrer auch weiß, wem er gefällig sein oder sonst irgendwie Honig um den Bart schmieren muss, erhält der Fahrer eine Kundenliste ohne Bestellungen, die er abarbeiten soll und natürlich mit Bestellungen wiederkommen muss. Nicht glauben wollen?
im Abschnitt D1, etwas weiter unten, steht sinngemäß:

Nun ist es die Pflicht und Aufgabe des Fahrers die ausgebliebenen Bestellungen mit allen ihm zur Vefügung stehenden Mitteln wieder reinzuholen. Die einzigen Gründe, die akzeptiert werden sind, dass der Kunde ins Krankenhaus kam, im Urlaub ist, oder verstorben ist. Wenn einer dieser drei Punkte nicht zutrifft, muss nachgehakt werden und der Kunde irgendwie überzeugt werden um den Kunden zu einer Bestellung zu bewegen. Freundliches Auftreten und die Darstellung des Gloria Angebotes in den schillernsten Farben soll dabei helfen.

Dass Zeitungen und Mitgliedschaften in irgendwelchen dubiosen Vereinen von Drückern einem an der Tür angedreht werden, ist irgendwie nichts neues, und daran hat man sich eigentlich auch schon gewöhnt. Dass jetzt allerdings der nette Mensch, der dem Nachbarn sein Essen bringt, am nächsten Montag, wenn er die nächste Kundenliste ohne Bestellungen bekommen hat, zum Nervfaktor eins werden kann, ist für mich ungewöhnlich. Ich bin selber vor langer Zeit mal Pizza ausgefahren, da hieß unser Kanzler noch Helmut, und da ist es mir dann und wann passiert, dass ich beim Pizza ausliefern auch Bestellungen mitgebracht habe. Allerdings wäre es für mich unvorstellbar, wenn die Chefs von einem fordern:

Hör mal zu, wenn du dann in dem Haus drinnen bist, klingelst du an alle Türen, und siehst zu, dass die auch bestellen, klar? Wenn nicht, ziehe ich dir die ausbleibenden Bestellungen von deinem Lohn ab.

Ganz so weit ist es in dem Laden (noch) nicht, allerdings soll der Druck auf die Auslieferungsfahrer enorm sein, und das bei dem albernen Einkommen.

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